German ex-lawyer, who once defended Ernst Zündel, convicted of Holocaust denial in Munich

German ex-lawyer, who once defended Ernst Zündel, convicted of Holocaust denial in Munich

Article by: Associated Press

Updated: February 25, 2015 – 5:50 AM

maxresdefault

BERLIN — A former German attorney with well-known links to the far right has been convicted of Holocaust denial and sentenced to 20 months in prison.

Munich state court spokeswoman Andrea Titz said 51-year-old Sylvia Stolz was convicted of inciting racial hatred for denying the Holocaust in a 2012 speech. She argued during her trial that she was exercising her right to free speech.

Stolz already served time for Holocaust denial after a 2008 conviction related to her defense of notorious Holocaust denier Ernst Zundel, who was convicted himself of the crime in Mannheim in 2007.

Zundel’s initial Mannheim trial collapsed after Stolz was banned from the proceedings on grounds she was trying to sabotage them. During the trial, she repeatedly denied the Holocaust and ended a legal document with “Heil Hitler.”

http://www.startribune.com/world/293997581.html

 

==========================

 

Die Eleganz der Beleidigung

Medien in den USA zensieren die Karikaturen aus “Charlie Hebdo” – für den New Yorker Comic-Künstler Art Spiegelman ein Skandal. Im Interview plädiert er für radikale Meinungsfreiheit: Selbst der Holocaust darf geleugnet werden.

INTERVIEW: MICHAEL NAUMANN, DIE ZEIT Nº 05/201529. Januar 2015 07:00 Uhr

DIE ZEIT:Mr. Spiegelman, Sie haben nach 9/11 die amerikanische Presse scharf für deren Unterstützung des Irakkriegs kritisiert. Jetzt haben Sie mit ähnlich harten Worten gegen die Entscheidung vieler US-Medien gewettert, nach den Anschlägen von Paris die Karikaturen aus Charlie Hebdo nicht abzudrucken.

Art Spiegelman: Das hat mir die Sprache verschlagen und mich so wütend gemacht. Wissen Sie, jeder ist scheinheilig – aber das ist noch jenseits von scheinheilig. Ich weiß gar nicht, wie man das nennen soll. Die Medien verkaufen diese Entscheidung als Besonnenheit und Verantwortungsbewusstsein. Aber das Ergebnis unterm Strich ist, dass die Zeitungen damit selbst ihre eigene Existenzberechtigung untergraben, um die sie ja angeblich so besorgt sind. Man sagt den Lesern, dass der Kern einer Geschichte nicht in der Zeitung vorkommen darf, weil er geschmacklos ist oder weil man Angst um die Mitarbeiter hat, für die man verantwortlich ist. Letztlich macht man es dem Leser unmöglich, die Geschehnisse überhaupt zu verstehen.

ZEIT:Amerikanische Onlinemedien hingegen haben die Mohammed-Karikaturen gezeigt.

Spiegelman:Ja. Die Zeitungen zwingen ihre Leser geradezu ins Internet – und da bleiben sie dann auch. Super, dann lesen sie eben eure beschissene Zeitung nicht mehr. Das ist ja alleine schon verrückt genug, aber die New York Times hat mich wirklich zur Weißglut getrieben. Sie ist der Rudelführer, was diese Haltung angeht, und dann druckt sie plötzlich einen Gastbeitrag von Marine Le Pen, ohne überhaupt zu erklären, wer sie ist. So klingt sie wie eine völlig vernünftige Islamophobikerin. Wie kann man beides gleichzeitig tun?

***

ART SPIEGELMAN

Der Zeichner und Illustrator wurde 1948 in Schweden geboren, wohin seine polnisch-jüdischen Eltern ausgewandert waren, nachdem sie Auschwitz überlebt hatten. Später immigrierte die Familie in die USA, dort wuchs Spiegelman in Pennsylvania und New York auf. Weltberühmt wurde er mit seinem 1986 erstmals in Buchform veröffentlichten Comic-Roman Maus, in dem er die Erfahrungen seiner Eltern in Nazi-Deutschland und den Konzentrationslagern verarbeitete. Für Maus erhielt Spiegelmanden Pulitzer-Preis, das Werk half dabei, dem Comic als ernst zu nehmende Kunstform Anerkennung zu verschaffen.

Spiegelman arbeitete viele Jahre in der Redaktion des New Yorker, für den er nach dem 11. September 2001 das ikonische schwarze Titelbild der Twin Towers entwarf. Er verließ das Blatt später und kritisierte die konservative Haltung der Medien nach 9/11.

Seine eigenen Erfahrungen spiegeln sich in der Bilderzählung Im Schatten keiner Türme, die 2002 zuerst in der ZEIT erschien.

***

ZEIT:Das erinnert mich daran, dass keine große amerikanische Zeitung und kein Verlag Ihren Comic “Im Schatten keiner Türme” drucken wollte – weil Ihre Verarbeitung der Zeit nach 9/11 zu amerikakritisch ausgefallen war.

Spiegelman: Es hat bis 2004 gedauert, dass es möglich war, Kritik zu üben. Davor war das Klima der Angst einfach zu erdrückend. Ich beobachte, dass Frankreich jetzt die gleichen Fehler macht wie Amerika damals nach dem 11. September. Das nervt mich wirklich. Man muss die Ränder beschützen”

ZEIT: Dass die französischen Karikaturen so viel erbarmungsloser sind als das, was man in Amerika oder Deutschland kennt – ist das auch einem Klima der Angst geschuldet?

Spiegelman: Nein, das rührt noch aus der Französischen Revolution her, dieser sehr intensive Säkularismus – neben Wein und Käse einer der besten französischen Exporte. Im 18. Jahrhundert gab es diese großartigen pornografischen Karikaturen von Marie Antoinette. Und dann später Daumier, der Louis-Philippe I. als Gargantua gezeichnet hat.

ZEIT: Daumier musste mehrmals ins Gefängnis. Für ihn war das aber auch gut fürs Geschäft.

Spiegelman:Ja, das ist immer gut fürs Geschäft. Einige haben nach den Anschlägen gesagt: Charlie Hebdo hat das nicht aus idealistischen Gründen gemacht, sondern um mehr zu verkaufen. Ich habe mich darüber sehr aufgeregt. Ich bin sehr stolz darauf, was diese Karikaturisten getan haben. Und sie haben dafür einen schrecklichen Preis bezahlt. Man muss Charlie Hebdo als “equal opportunity offender”, als ein Magazin, das in jede Richtung beleidigt, einfach lieben. Ich glaube, das ist die einzige Position, die irgendwie Sinn hat. Wenn man anfängt, gegenüber einer Gruppe vorsichtig zu sein und Rücksicht zu nehmen und gegenüber anderen nicht, dann ist es schon vorbei mit der Meinungsfreiheit. Meine Formulierung dafür ist: Wenn man die Ränder nicht beschützt, wird es keine Mitte geben.

ZEIT:Wenn Charlie Hebdo für die Art von Meinungsfreiheit steht, die Sie befürworten, sollte Frankreich dann ein Vorbild sein?

Spiegelman:In Frankreich ist es absolut in Ordnung, Mohammed, Jesus, den Papst, Rabbis oder Priester satirisch zu verhöhnen, das ist alles Freiwild, selbst für die empörendsten Spielarten der Karikatur. Aber es gibt Grenzen in Frankreich – und dadurch landet man in einer scheinheiligen Widersprüchlichkeit, ohne es zu bemerken. Blasphemie ist in Ordnung, aber sobald man etwas Antisemitisches sagt, ist man dran.

ZEIT: Oder wenn man “Verteidigung des Terrorismus” betreibt. Amnesty International hat in der Woche nach den Anschlägen fast 70 Verhaftungen wegen dieses vagen Tatbestands in Frankreich gezählt. Darunter viele Jugendliche – ein 16-jähriger Schüler wurde verhaftet, weil er eine Anti-Charlie Hebdo-Karikatur bei Facebook gepostet hat.

Spiegelman:Das prominente Beispiel ist der Komiker Dieudonné, der verhaftet wurde, weil er die Anschlagsopfer verhöhnt hat.

ZEIT: “Ich fühle mich wie Charlie Coulibaly”, postete er im Netz, in Anspielung auf den Attentäter aus dem koscheren Supermarkt.

Spiegelman:Klar, seine Meinung zu verteidigen, heißt, die Meinung eines Mannes zu verteidigen, der sich als Komiker präsentiert, aber Holocaust-Leugnern und den Le-Pen-Leuten nahesteht. Wenn ich jemanden zensieren müsste, dann ihn. Aber der rationale Umgang mit dieser Situation sollte ein anderer sein: Ich will nicht mit diesem Typ essen gehen, ich werde seine Ansichten bei jeder Gelegenheit widerlegen. Aber natürlich hat er das Recht, sie zu äußern – nur in Frankreich eben nicht, weil es dort Gesetze gegen hate speechgibt, wie in Deutschland ja auch. Dieudonné ist gefährlich, und man muss gegen ihn vorgehen. Aber das, was jetzt passiert, ist absurd. Und vor allem kontraproduktiv.

ZEIT: Warum kontraproduktiv?

Spiegelman: Damit macht man ihn für sein Publikum zu einem Märtyrer. Und man sorgt dafür, dass die Situation noch explosiver wird. Selbst ich, als Kind von Holocaustüberlebenden, kann dieses Messen mit zweierlei Maß nicht richtig verstehen. Wie soll dann irgendein Junge aus den Banlieues, der über Juden herzieht, das verstehen? Man muss die Ränder beschützen. Was Frankreich da tut, ist sehr dumm. Was auch immer die juristisch-scholastische Logik dahinter ist, antisemitische Meinungen zu verbieten – es ist verrückt. Alles, was man damit tut, ist, die Außenseiter in den Banlieues weiter zu unterdrücken, diejenigen, die keinen Ausweg haben. Warum nicht aus Beleidigungen eine Kunstform machen?”

ZEIT: Kommt daher auch das Gefühl, Charlie Hebdo sei islamophob?

Spiegelman: Ja. Obwohl das selbstverständlich nicht der Fall ist, wenn man sich das Magazin einmal genauer anschaut, auch die jüngsten Ausgaben. Aber es ist eine komplizierte Angelegenheit, und es hat damit zu tun, was gesagt werden kann – und was nicht gesagt werden kann.

ZEIT: Sie haben Ihr Bekenntnis zur Meinungsfreiheit auch in die Tat umgesetzt, auf satirische Art. Nachdem Jyllands-Posten Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte, rief der Iran zu einem Karikaturenwettbewerb auf, bei dem der Holocaust geleugnet werden sollte. Sie haben teilgenommen.

Spiegelman: Ja, ich habe als Antwort einige antisemitische Karikaturen im New Yorker veröffentlicht. Zum Beispiel eine, in der ein Jude in einem Restaurant sitzt und sagt: “Bitte kein palästinensisches Blut mehr für mich, danke. Das ist schlecht für mein Cholesterin.” Und auch eine Karikatur zum Holocaust in Harper’s:Menschen in gestreiften Uniformen in einem Konzentrationslager, sie stehen in einer langen Schlange, auf dem Weg zum Ofen. Einer lacht ganz furchtbar und ruft: “Wirklich lustig ist daran, dass nichts davon tatsächlich passiert!” Ich nämlich glaube, dass das einzige Mittel gegen ekelhaftes Gerede noch mehr Gerede ist.

ZEIT: Aber geht das als Strategie wirklich auf?

Spiegelman: Es gibt ein altes Spiel, das bei Schwarzen beliebt war: The Dozens.Bei The Dozens geht es darum, die Eleganz zu bewundern, mit der ein anderer dich beleidigt. Ziel ist es, möglichst furchtbare Dinge über die Mutter des anderen zu sagen. Und wenn der andere dann mehr Selbstkontrolle als unser Papst hat, sagt er dir etwas ähnlich Schreckliches über deine Mutter. Man lernt dabei, seine eigene Wut zu sublimieren – und sie in kunstvolle Beleidigungen zu überführen. Nicht, dass ich dieses Spiel lieben würde. Aber weil es nun einmal so viele Beleidigungen gibt, immer, überall, die sich nicht unterdrücken lassen – warum nicht eine Kunstform daraus machen? Die Antwort auf etwas Dummes sollte immer etwas Kluges sein. Obwohl ich eigentlich kein Optimist bin, glaube ich, dass sich das Wahre am Ende durchsetzt, wenn man alle Ansichten zulässt.

ZEIT: Aber würde das auch für so furchtbare Ansichten gelten wie die von Holocaust-Leugnern?

Spiegelman: In dem Fall ist es natürlich sehr schmerzhaft. Mein Herz und mein Kopf schlagen da unterschiedliche Richtungen ein. In meinem Herzen denke ich: Fuck you, you bastard Nazi shit. Aber wenn man Holocaust-Leugnung unter Strafe stellt, verschwindet diese Haltung ja nicht. Es gibt immer noch die gleichen verrückten Faschisten, die nur darauf warten, endlich sagen zu dürfen: Damals wurden nur acht Leute umgebracht, und die Öfen waren zum Brotbacken!

ZEIT: Zum Glück ist ihnen das verboten.

Spiegelman: Das Problem ist, dass Verbieten nicht unbedingt hilft. Die Meinungen wandern dann nur ab in den Untergrund und finden andere Ausdrucksformen. Solche Bilder sind immer eine Art von Rorschach-Test”

ZEIT: Aber warum sind es immer wieder Karikaturen, an denen sich so viel entzündet?

Spiegelman:Sie haben eine große Kraft, weil sie sofort ins Auge und in den Kopf gehen – bevor man sie überhaupt einsortieren kann. Auf der anderen Seite spielt so viel Unterschwelliges eine Rolle, dass es oft schwer ist, Karikaturen richtig zu verstehen. Mein Lieblingsbeispiel ist ein Cover, das ich für den New Yorker gezeichnet habe. Es hat so extreme Reaktionen hervorgerufen, wie es eigentlich nur in den Zeiten von Twitter möglich geworden ist: ein chassidischer Jude und eine schwarze Frau, die sich küssen.

ZEIT: Das Cover war die Reaktion auf Unruhen in New York im Jahr 1991. Während der Auseinandersetzungen wurde ein jüdischer Student von mehreren schwarzen Jugendlichen getötet.

Spiegelman: Ja. Das Cover sieht aber sehr friedlich aus. Aber alle waren sauer auf mich, auf allen Seiten. Am seltsamsten war aber der Leserbrief einer Frau, die schrieb, dass es wirklich süß sei, dass wir zu Abraham Lincolns Geburtstag ein Bild zeigen von Lincoln, der einen Sklaven küsst. Die Leserin hatte das Bild natürlich nicht verstanden. Sie ist offenbar noch nie einem chassidischen Juden begegnet. Das hat meine Vorstellung bekräftigt, dass solche Bilder immer eine Art von Rorschach-Test sind.

ZEIT: Nicht nur Bilder werden umgedeutet, auch Charlie Hebdo als Magazin: Plötzlich war das Heft politisch so korrekt, dass alle “Je suis Charlie” bekannten.

Spiegelman: Die Reaktion der Leute von Charlie Hebdo sagt alles: Sie waren sauer über diesen Millionenmarsch, mit allen diesen Politikern, über die sie sich schon seit so Langem lustig machen. Die sind nicht Charlie. Charlie will kein Che-Guevara-T-Shirt werden.

ZEIT: Auch der Marsch war eine lebende Karikatur – Politiker, die in einer komplett abgesperrten Straße marschierten.

Spiegelman:Das Lustigste, was ich gesehen habe, war eine orthodoxe Zeitung in Israel, die das Foto der Politiker auf dem Marsch veröffentlicht hat, aber alle Frauen rausgeschnitten hatte, etwa die Bürgermeisterin von Paris und Angela Merkel. Weil sie denken, dass es unkoscher sei, Männer und Frauen im selben Bild zu zeigen. Wo wir gerade bei Reaktionen in anderen Ländern sind: Die Menschen in Deutschland, wurde mir gesagt, waren so empört darüber, was in der Redaktion von Charlie Hebdo passiert ist. Aber die Toten im Supermarkt waren nicht so ein großes Thema. Stimmt das?

ZEIT: Das ist wahr, es wird zwar erwähnt, aber eher pflichtgemäß.

Spiegelman: Vielleicht liegt es daran, dass man die Toten im Supermarkt leichter gedanklich abschütteln konnte: “Oh, die waren sicher pro-Israel. Sie haben es verdient, weil die Palästinenser so schlecht behandelt werden.” Dabei sind die Karikaturisten mit offenem Auge in diese Katastrophe geschlittert, sie hatten die Konsequenzen akzeptiert. Nicht, dass es das weniger tragisch oder furchtbar machen würde. Aber die anderen Leute – die waren einfach nur einkaufen!

ZEIT: Es scheinen schwierige Zeiten für Karikaturisten zu sein. Wenn ich mir Karikaturen in Amerika anschaue, dann sehe ich da keinen Biss mehr.

Spiegelman: Ja, die amerikanischen Karikaturen haben ihre Schärfe verloren, das liegt auch an der fundamentalistischen Political Correctness hier. Die Zeitungen sterben und haben Angst vor Lesern, die ihre Abonnements kündigen, weil ihnen etwas nicht gefällt. Eines der Talente von Karikaturisten ist es, solche Briefe zu provozieren. In Frankreich, das hat ein anderer Karikaturist vor Kurzem gesagt, sind mehr politische Karikaturisten gestorben, als in den USA überhaupt noch am Leben sind.

Mitarbeit: Lars Weisbrod

http://www.zeit.de/2015/05/meinungsfreiheit-karikaturen-art-spiegelman

____________________________________________________________________

 

Natürlich darf man den Holocaust leugnen!

Ein Plädoyer für die Beleidigungsfreiheit:

Was der Comic-Künstler Art Spiegelman aus dem Attentat von Paris folgert

Von Alan Posener, Die Welt 24.02.15

Als Art Spiegelman Ende der 80er-Jahre die Geschichte zweier Holocaust-Überlebenden – seiner Eltern – als Comic zeichnete, war das ein Tabubruch. Die deutsche Gesellschaft reagierte verstört. Die Bibel als Comic, das ging noch. Aber die heilige Erzählung der geläuterten Täter-Nachfahren, eine Geschichte von Schuld und Sühne und der Gnade der späten Geburt – die sollte sakrosankt sein.

Inzwischen gilt Spiegelmans “Maus” als Klassiker und wird – das schlimme Schicksal aller Klassiker – auch in Schulen verwendet; so geht es Provokateuren, jedenfalls in offenen Gesellschaften. Ob man eines Tages auch die Mohammed-Karikaturen von “Jyllands-Posten” und “Charlie Hebdo” oder die “Satanischen Verse” von Salman Rushdie im Unterricht studieren und ruhig das Pro und Con solcher Provokationen diskutieren können wird?

Spiegelman jedenfalls hat sich im Gespräch mit der “Zeit” enttäuscht über die Printmedien seiner amerikanischen Heimat geäußert, die sich – sei es aus Angst vor Muslimen, sei es aus Rücksicht auf deren Gefühle (die Grenzen sind ja fließend) – weigerten, die “Charlie Hebdo”-Karikaturen abzudrucken.

Spiegelman wäre nicht Spiegelman, hätte er es bei dieser Verteidigung des Rechts auf Beleidigung des Islam belassen. Im gleichen Interview beklagt er die in Frankreich eingeleiteten Verfahren gegen den antisemitischen Komiker Dieudonné und an die 70 weitere Bürger, denen “Verteidigung des Terrorismus” vorgeworfen wird. Wenn schon, so Spiegelman, müsse das Recht auf Beleidigung und Beleidigtwerden für alle gelten.

Auch deshalb kritisiert er das in Deutschlandund den meisten Ländern der Europäischen Union bestehende Verbot der Holocaust-Leugnung: “Mein Herz und mein Kopf schlagen da unterschiedliche Richtungen ein. In meinem Herzen denke ich: ‘Fuck you, you bastard Nazi shit.’ Aber wenn man Holocaust-Leugnung unter Strafe stellt, verschwindet diese Haltung ja nicht. Es gibt immer noch die gleichen verrückten Faschisten, die nur darauf warten, endlich sagen zu dürfen: ‘Damals wurden nur acht Leute umgebracht, und die Öfen waren zum Brotbacken!'”

Genau. Wer den Holocaust leugnet, ist ein bastard Nazi shit, ob er nun David Irving oder Mahmud Ahmadinedschad heißt. Wer noch Ehre im Leib hat, wird solchen Leuten weder die Hand noch ihren Ansichten eine Plattform geben. Er wird ihnen aber auch nicht den Gefallen tun, ihre Ansichten verbieten zu lassen – so, als wären sie so gefährlich, dass man ihnen anders nicht beikäme.

Es ist absurd, dass man den Holocaust nicht leugnen darf, wohl aber den Völkermord an den Sachsen, Preußen, Tasmanen, Hereros, Armeniern, oder Tutsi; die Massaker der kroatischen Ustascha an den Serben oder der Serben an den Bosniaken; die Massenmorde Stalins, vor allem in der Ukraine, Maos und Pol Pots und so weiter und so fort.

Ja, die Leugnung des Holocaust beleidigt nicht nur die schwindende Schar der Überlebenden; sie besudelt ihre Erinnerung und ist überdies ein Schlag ins Gesicht dessen, was ein britischer Richter im Fall David Irvings die “Heiligkeit der Fakten” nannte. Und all das sollte durch die Meinungsfreiheit gedeckt werden. Wozu wäre sie sonst da? Nur sicherzustellen, dass das Wahre, Schöne und Gute gesagt werden darf?

Anscheinend. Denn in der gesamten EU soll demnächst nicht nur die Leugnung des Holocaust verboten, sondern die “öffentliche Duldung, Leugnung oder massive Trivialisierung von Genozid-Verbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen” mit einem bis drei Jahren Gefängnis bestraft werden müssen. Müssen! Womit jeder Historiker oder Publizist, der sich mit solchen Themen beschäftigt, Gefahr läuft, zum Gesetzesbrecher zu werden, wenn er sie “trivialisiert”.

Das gleiche Gesetz will die Verbreitung “von Traktaten, Bildern oder anderem Material” unter Strafe stellen, das sich “gegen eine Gruppe von Personen oder ein Mitglied einer solchen Gruppe definiert durch Rasse, Hautfarbe, Religion, Abstammung oder nationale oder ethnische Zugehörigkeit richtet”. Damit wird das Verbot der Religionskritik in Europa wieder eingeführt. In der Praxis wird das auf ein Verbot der Islam-Kritik hinauslaufen.

Freilich ist das eine logische Folge des Verbots der Holocaust-Leugnung. Wie sagt Art Spiegelman: “Man muss ‘Charlie Hebdo’ als ein Magazin, das in jede Richtung beleidigt, einfach lieben. Ich glaube, das ist die einzige Position, die irgendwie Sinn hat. Wenn man anfängt, gegenüber einer Gruppe vorsichtig zu sein und Rücksicht zu nehmen und gegenüber anderen nicht, dann ist es schon vorbei mit der Meinungsfreiheit.”

© WeltN24 GmbH 2015. Alle Rechte vorbehalten

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article137761025/Natuerlich-darf-man-den-Holocaust-leugnen.html