DDR terrorism charges

Donnerstag, 09.03.2006

Lieber sterben als nachgeben

Schicksal. Vor 25 Jahren wurde Josef Kneifel in Karl-Marx-Stadt als Terrorist verurteilt, er wollte einen Sowjetpanzer vom Sockel sprengen.

 

Von Thomas Schade

Nasskalt und trüb ist es an diesem Sonntag. Schneeregen fällt. Da geht keiner gern raus. Ideale Bedingungen für Josef Kneifel. „Heute oder nie“, sagt sich der 38-Jährige am Nachmittag des 9. März 1980 und rüstet sich für eine der ungewöhnlichsten Straftaten der Chemnitzer Geschichte.

Kneifel überklebt das Kennzeichen seines Trabant-Kombi. Aus XX 00-04 wird RX 40-00. Er wuchtet eine Gasdruckflasche in das Auto und packt einen alten Wecker dazu. „Ich mach’ jetzt los“, sagt Kneifel zu seiner Frau Irmgard, die erkältet im Bett liegt. Beide wissen, es kann ein Abschied für immer sein. Dann zwängt sich der drahtige, aufgeschossene Mann mit der Halbglatze und der schwarz gerahmten Brille in seinen Trabi.

Auf der Fahrt von Niederlichtenau nach Karl-Marx-Stadt plagen ihn Zweifel. Jungpionier, FDJler, sogar Volkspolizeihelfer ist er mal gewesen. Er hat Goethe und Schopenhauer gelesen, obwohl er nach sieben Schuljahren nur Fleischer, später Werkzeugmacher gelernt hat. „Der Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn habe ihm dann „die Augen geöffnet“, sagt er heute. „Über die Sowjetunion wurden wir doch belogen.“

Bald ging Kneifel nicht wählen, sagte offen, was er denkt: Die Blockparteien seien doch das Gleiche wie die SED. Und in der Sowjetunion habe es auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegeben. Zehn Monate Haft wegen „Staatsverleumdung“ waren 1975 die Quittung. Im Magdeburger Gefängnis trat Kneifel für eine Bibel in den Hungerstreik und wurde mit verschärftem Arrest bestraft. Wegen seiner politischen Überzeugung sei er mit Schwerkriminellen zusammengesperrt worden. „Das hat meine Seele verätzt“, sagt er heute.

Diese Demütigung habe in ihm „gefressen“. Immer habe er überlegt: „Wie kannst du dich davon befreien?“ In seiner Dachkammer stand an der Wand: „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen“.

Keiner bemerkt den Täter

Und das treibt ihn an diesem Abend des 9. März 1980 an: Gegen 21 Uhr parkt Kneifel seinen Trabi in der Klarastraße. Sein Ziel ist der sowjetische Traditionspanzer T 34 mit der Nummer 195 – für ihn das „Symbol des Stalin-Imperialismus“. Der Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan kurze Zeit zuvor ist der Auslöser. Nun will er den Panzer vom Betonsockel sprengen. Kurz vor halb zehn liegt er mit seiner Elf-Kilo-Bombe unter der Panzerwanne und beobachtet die Dresdner- und die Frankenbergerstraße, die hier aufeinandertreffen. Kneifel platziert den Sprengsatz, stellt den Zeitzünder ein. Er hat nur wenige Minuten, um zu verschwinden. Am Trabi hört er den dumpfen Knall. In der Frankenbergerstraße 30/32 warten die Leute vorm Fernsehen aufs Ende des „Polizeirufs 110“, da bersten plötzlich Fensterscheiben – getroffen von Splittern und dem Druck. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt.

Kneifel ist vom Knall enttäuscht. Hat er sein Ziel erreicht? Im Ungewissen kehrt er heim, beseitigt alle Spuren und berichtet seiner Frau. Sie überredet ihn, erneut zum Panzer zu fahren, um Gewissheit zu erlangen. Wenig später sehen sie, dass der Koloss noch auf dem Sockel steht. Es wimmelt von Polizei, aber keiner nimmt Notiz von dem Trabi. Was Kneifels nicht wissen: Die Bombe hatte ein vier Zentner schweres Laufrad abgesprengt und 50 Meter in den Hof der Bezirkspolizei geschleudert.

Eine Spezialkommission des MfS beginnt noch in der Nacht zu ermitteln. Schäden werden schnellstens beseitigt, aber wie ein Lauffeuer spricht sich der Anschlag in der Stadt rum. In SED-Parteiversammlungen wird die Ungeheuerlichkeit verurteilt. Unter den Leuten ist Neugier: Wer hatte es gewagt, den Staat so anzugreifen? „Endlich hat mal einer was gemacht“, hätten ihm Leute gesagt. „Das war meine stille Genugtuung“, sagt Kneifel 26 Jahre später.

Akt der Selbstvernichtung

Da sitzt er – heute 63-jährig – in seiner kleinen Wohnung im Süden von Nürnberg. Umringt von Büchern und Bildern seiner verstorbenen Frau. Immer noch drahtig, aber krank, zwingt er sich, fit zu bleiben. Dreimal pro Woche fährt er mit dem Rad in die Klinik und schließt sich selbst an die Dialysestation an. Leise und gelassen spricht er über das, was passiert ist. Nur beim Warum brechen die alten inneren Kämpfe wieder auf. „Wer verlässt schon sein sicheres, behagliches Nest, gefüllt mit Liebe und Wärme und dem einzigen geliebten Menschen, um das zu tun, was höchst wahrscheinlich Selbstvernichtung bedeutet.“ Kneifel ist der Selbstvernichtung nur knapp entkommen.

130 Aktenbände zeugen heute noch vom gewaltigen Aufwand, den die Staatssicherheit bei der Suche nach dem Täter betrieb.

Lange kommt sie nicht voran. Irgendwann hätte sie beim Überprüfen „feindlicher Elemente“ auch vor Kneifels Tür gestanden. Er war verdächtig, hatte schon wegen Staatsverleumdung gesessen. Doch entdeckt wird Kneifel vom ausgefeilten Stasi-Überwachungssystem.

Erfolg der Schnüffler

Am 15. August 1980, einem Freitag, informiert die für das Abhören zuständige Abteilung 26 des MfS über ein Gespräch in den Diensträumen des Karl-Marx-Städter Superintendenten Christoph Magirius. Am Nachmittag erscheint dort der Pfarrer einer Jungen Gemeinde, der unter dem Beichtsiegel von einem seiner Schützlinge erfahren hatte, wer den Panzer vom Sockel holen wollte. Die Kirchenmänner sprechen über Details der Sprengung und darüber, wie sie sich als Mitwisser verhalten sollen. Magirius entscheidet sich für das Beichtgeheimnis. Aber in seinem Amtssitz läuft die Abhörmaßnahme „Theo I“, die Stasi hört alles mit. Obwohl der Name Kneifel im Gespräch nicht fällt, brauchen die MfS-Ermittler übers Wochenende nur eins und eins zusammenzählen, denn Kneifels Stiefsohn und dessen Freunde sind Mitglieder dieser Jungen Gemeinde.

Am Montag wird Josef Kneifel vorm Betriebstor der PGH Dynamo verhaftet, nach einer Woche bricht er sein Schweigen und beschreibt in Dutzenden Vernehmungen alle Details seines Anschlags. Genau ein Jahr nach der Tat, am 9. März 1981, steht er vor dem Karl-Marx-Städter Bezirksgericht – angeklagt als Terrorist. Die zugelassene Öffentlichkeit besteht fast nur aus MfSlern. Zwei Wochen vorher hat die Staatssicherheit einen Plan „zur Durchführung der gerichtlichen Hauptverhandlung gegen den Terroristen Josef Kneifel“ geschmiedet.

Kneifel erkennt das Gericht nicht an, lautstark äußert er sich abfällig über die Richter, wird vom Prozess ausgeschlossen und erst zur Urteilsverkündung in Pantoffeln, Hemd und Hose wieder in den Saal „gezerrt“, wie er beschreibt. „Das Lebenslänglich stand doch schon vorher fest“, sagt Kneifel heute. In Haft beginnt er sofort einen Hungerstreik, will als „politischer Gefangener“ behandelt werden. 14 Monate wird er über einen Schlauch ernährt. Mit 62 Kilo Körpergewicht muss er ins Leipziger Haftkrankenhaus. Die beiden Ärzte, die ihn dort behandeln, nennt er heute seine Lebensretter. In ihrem Abschlussbericht steht: Kneifels „fanatische Persönlichkeit“ sei „unkorrigierbar“, mit Gewalt sei „nichts durchzusetzen“, er werde „lieber sterben .., als nachzugeben“.

Ab 1984 verbüßt der DDR-Terrorist dann seine Strafe im Gefängnis Bautzen I – fast ununterbrochen im „gesonderten Kommando“, dem Arrestkeller des Hauses 2, dem dreckigsten, was das Gelbe Elend zu bieten hat. „Einige Wochen übersteht man das unbeschadet“, sagt er. „Aber drei Jahre auf zwei mal zwei Metern?“ Da versuche man sein Wissen im Kopf zu rekapitulieren und merke bald, wie es immer weniger wird. Er habe auch Schuldkomplexe bekommen, was er der Familie angetan habe.

Hilfe von der Kirche

Unnachgiebig versucht Kneifel dagegen zu kämpfen, reißt die gelben Streifen vom Häftlingsanzug, meldet zum Zählappell: „Genosse Kerkermeister, ein von Kommunistenhunden gefolterter politischer Gefangener.“ Die Wärter schicken Kriminelle, die ihn verprügeln. Es ist ein aussichtsloser Kampf. Körperlich und seelisch am Ende schreibt er mit seinem eigenen Blut an die Wände, was ihm widerfahren ist. Im Januar 1987 registriert das MfS, dass Josef Kneifel Nierenversagen drohe und er „keinen Lebenswillen mehr ausstrahle“. Fotos von ihm jagen dem MfS-Oberen offenbar einen Schrecken ein.

Kneifel ist inzwischen im Westen kein Unbekannter mehr. Seine Frau hat Kontakt zu Kirchenkreisen und Hilfsorganisationen aufgenommen. Von dort kommen unangenehme Anfragen. Über den DDR-Kirchenstaatssekretär Klaus Gysi wird Landesbischof Johannes Hempel gebeten, das „Problem Kneifel“ lösen zu helfen. Er soll begnadigt und in den Westen abgeschoben werden. „Sepp, sag ja“, habe seine Frau gefleht, als sie ihn mit Bischof Hempel besuchte, erinnert er sich. Im bischöflichen Dienstwagen fahren Kneifels am 6. August 1987 in Herleshausen über die Grenze, unmittelbar vor Honeckers West-Besuch.

Verätzt ist Kneifels Seele bis heute. Die Rehabilitierung wurde ihm verwehrt, „weil ich wohl doch Menschen in Gefahr gebracht habe“, gibt er zu. Mit einer kleinen Rente lebt er nach wie vor unangepasst, engagiert sich im Nürnberger Friedenskreis ebenso wie in einer rechten Gefangenenhilfsorganisation. Er sei kein Neonazi, aber ein Gerechtigkeitsfanatiker sei, sagt er, will darüber aber nicht reden.

* * *

28.09.1992

Ein Exitus könnte uns nur recht sein“

Am 25. März 1980 erschien in westdeutschen Tageszeitungen ein kurzer Bericht über ein rund zwei Wochen zurückliegendes Ereignis in der DDR. Die Berliner Morgenpost schrieb: “Auf ein Denkmal der sowjetischen Armee in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) ist in der Nacht vom 9. zum 10. März ein Sprengstoffanschlag verübt worden.”

Die Welt fügte hinzu, daß “noch in der gleichen Nacht zahlreiche Handwerker mit der umgehenden Beseitigung der Schäden beauftragt worden” seien.

Allzuviel war nicht passiert – ein paar zerborstene Fensterscheiben, verstreute Metallsplitter. Am Denkmal selbst, einem Weltkriegspanzer vom Typ T-34, war die linke Kette abgeplatzt, außerdem hatte die Detonation eine rostige Laufrolle 50 Meter weit ins Gelände der Volkspolizei katapultiert. Es gab keine Verletzten.

Dennoch versetzte der Anschlag das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in höchste Aufregung: Eine solche Provokation war den Staatsschützern der DDR noch nie untergekommen.

Das Attentat traf ein geheiligtes Symbol. “Es handelt sich nicht schlechthin um ein Panzerdenkmal”, berichtete _(* 1992 vor dem sowjetischen Ehrenmal in ) _(Chemnitz. ) MfS-Bezirkschef Siegfried Gehlert seinem Minister Erich Mielke, “sondern um den ,Siegespanzer” in Karl-Marx-Stadt.”

Es handelte sich auch nicht um irgendeine Stadt, sondern um den politischen Stammsitz Erich Honeckers, in dem sich der SED-Chef alle fünf Jahre mit Traumergebnissen in die Volkskammer wählen ließ.

Mielkes Fahnder suchten den Panzersprenger monatelang vergebens. Der Minister tobte. Systematisch wurden alle Anwohner rund um das Denkmal ausgehorcht und verhört, jeder Wald der Umgebung wurde durchkämmt, jeder Verdächtige observiert. Der ehemalige Stasi-Oberstleutnant Eberhard Böttcher, 55, erinnert sich: “Wir waren Tag und Nacht im Einsatz, so eine Fahndungsmaßnahme hat es in der DDR sonst nie gegeben.”

Erst fünf Monate nach der Tat konnte das MfS Erfolg melden: Am 18. August wurden der DDR-Bürger Josef Kneifel und seine Ehefrau Irmgard, wohnhaft in Niederlichtenau bei Karl-Marx-Stadt, verhaftet.

Damit begann ein brutaler Leidensweg durch den realsozialistischen Strafvollzug. Wie das SED-Regime mit Kneifel umsprang, ist selbst für die harten Gebräuche in ostdeutschen Knästen ungewöhnlich – und entlarvend für die Unmenschlichkeit des Systems. Kneifel war kein gefährlicher Opponent, sondern nur ein schwieriger Einzelgänger.

Bei seiner Festnahme half der Stasi die Technik. Irmgard Kneifel, von ihrem Mann in die Attentatspläne eingeweiht, hatte ihren Sohn aus erster Ehe ins Vertrauen gezogen. Der, engagierter Christ, erleichterte sein Gewissen bei einem Pfarrer in Karl-Marx-Stadt. Den trieb dieses Wissen ebenfalls um; unter vier Augen fragte er seinen Vorgesetzten, Superintendent Christof Magirius, ob er als Pfarrer strafbare Handlungen anzeigen müsse. Die Stasi hörte mit und übernahm die Sache. _(* An einer Zellenwand in Bautzen I. )

Am 16. März 1981 verurteilte das Bezirksgericht Karl-Marx-Stadt Josef Kneifel zu lebenslanger Haft. Doch nun fingen die Probleme der DDR mit ihrem Bürger Kneifel erst an.

Der Häftling widersetzte sich allen Regeln. Er schrie, er riß sich die Sträflingskleidung vom Leib, er schrieb höhnische Parolen an die Zellenwände, er bespritzte die Aufseher mit Blut oder Urin oder einer Mischung aus beidem.

Einen Gegner wie Josef Kneifel hatte die DDR nur einmal.

Dabei hatte der Dissident, Jahrgang 1942, als überzeugter Sozialist begonnen. Mit 17 fegt der Volkspolizeihelfer Kneifel durch sächsische Dörfer, um den Widerstand der Bauern gegen die Kollektivierung zu brechen. Aus glühender Überzeugung bewirbt er sich nach einer Fleischerlehre 1960 beim MfS-Wachregiment “Felix Dserschinski”. Wegen einer Nierenschwäche wird er abgelehnt.

Innerhalb von zwei Jahren wandelt er sich zu einem erbitterten Antikommunisten. Die Motive bleiben dunkel. Als er vom Hitler-Stalin-Pakt erfahren habe, der in der frühen DDR totgeschwiegen wurde, sagt Kneifel, sei er stutzig geworden. “Eine Lüge nach der anderen” habe er von da an durchschaut. Der Hang des Eigenbrötlers zum Widerspruch gegen die Obrigkeit nimmt schließlich zwanghafte Formen an.

Kneifel fällt rasch auf durch Wahlabstinenz, kritische Äußerungen und drei Ausreiseanträge. Im Mai 1975 hält die MfS-Kreisdienststelle Karl-Marx-Stadt seine Übersiedlung für geboten (“verfestigter negativer Standpunkt . . . versucht sogar, andere Personen zu beeinflussen”).

Doch da ist es schon zu spät: Kneifel sitzt zum erstenmal in Haft.

Der Mann ist nach einigen forschen Äußerungen im Betrieb denunziert worden. Wegen “mehrfacher Staatsverleumdung in der Öffentlichkeit” muß er für zehn Monate in den Bau.

Der 32jährige Josef Kneifel empfindet die Haft als eine einzige große Demütigung. Er duldet, daß er als Krimineller behandelt wird, läßt sich filzen und anschreien. Das verzeiht er sich nicht.

Nach seiner Entlassung wird er Nacht für Nacht von Alpträumen gequält. Um sich davon zu befreien, beginnt er im Dezember 1977 mit den Vorbereitungen des Anschlags. Als guter Explosivstoff erweist sich, wie die Stasi später protokolliert, eine Mixtur “bestehend aus dem Unkrautvertilgungsmittel ,Wegerein K”, aus Staubzucker und Schwefel”.

Der Lebenslängliche Kneifel provoziert bis zum Äußersten. Den Kampf des eisernen Opponenten gegen den verhaßten Staat DDR dokumentiert die rund 8000 Seiten umfassende MfS-Akte des Mannes, der seit 1972 “operativ überwacht” worden ist, zunächst als “Vorgang 1000/68”, später unter den Kodenamen “Zange” und “Panzer”.

Daß Kneifel die Torturen überlebt, verdankt er nach eigener Einschätzung vor allem seiner Ehefrau. Irmgard Kneifel, die 1981 wegen “Nichtanzeigen einer Straftat” zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde und im berüchtigten Frauenknast Hoheneck einsaß, läßt sich auch durch ausgeklügelte “politisch-operative Maßnahmen (Deckname: ,Saturn”)” nicht beirren.

Mal soll ihr erster Ehemann auf sie angesetzt werden, “den die Kneifel immer noch lieben und in sexueller Hinsicht annehmen würde”; mal bemüht sich die Stasi um “Beweise gemäß dem Tatbestand des Paragraphen 219 StGB (,Ungesetzliche Verbindungsaufnahme” -Red.), in deren Ergebnis Haftgrundlagen zu schaffen sind”.

Die Ausspionierte ahnt davon nur wenig. Sie konzentriert sich ganz auf ihren inhaftierten Mann, den sie alle paar Monate bei einem kurzen “Sprecher” (MfS-Jargon) zu Gesicht bekommt. Beharrlich fordert sie bessere Haftbedingungen, beschwert sich beim DDR-Generalstaatsanwalt, spricht mit Kirchenleuten, wendet sich an Sowjetdiplomaten.

Die Stasi sieht zu und ärgert sich. Denn “die Aktivitäten der Kneifel” bewirken genau das, was zu verhindern Ziel aller Kontrolle war: Der Fall Kneifel wird bekannt.

Die Angst des Staates vor der Öffentlichkeit zieht sich durch die Akte wie ein Leitmotiv. Schon in der ersten Handreichung für die Justiz weisen die MfS-Offiziere vor allem auf “Schwere und Öffentlichkeitswirksamkeit” des Bombenanschlags hin. In einer MfS-Bilanz nach Kneifels erstem Haftjahr heißt es einleitend: “Im operativen Material wird der Strafgefangene . . . mit dem Ziel unter Kontrolle gehalten, erneuten feindlichnegativen Handlungen des K. wirksam vorzubeugen, insbesondere einen Informationsabfluß aus der Strafvollzugseinrichtung zu verhindern.” Und weiter: “Ein Kontakt zu anderen Strafgefangenen ist zu unterbinden.”

Kneifel allerdings fügt sich um so weniger, je rigider er kontrolliert werden soll. Die Stasi steckt in einem Dilemma. Läßt sie ihn gewähren, macht er Mitgefangene und Bewacher rebellisch. Geht sie allzu brutal mit ihm um, gefährdet sie das Ansehen der Republik, die auf dem besten Wege ist, international als Musterländle der Weltrevolution anerkannt zu werden.

Besonders hilflos reagiert das MfS, als Aktivisten von Amnesty International 1985 in etlichen Briefen ein Ende der Einzelhaft für Kneifel fordern. Nach langem Zögern werden über die Absender “Speicherüberprüfungen und erste Maßnahmen in den Operationsgebieten Frankreich und der Schweiz durchgeführt”. Ergebnis, was Wunder: “Keine operativen Erkenntnisse.”

Wie die Stasi den Fall Kneifel am liebsten gelöst hätte, steht in einem Vermerk über eine Dienstbesprechung im Zuchthaus Bautzen I: “Genosse Scherch äußerte sich sinngemäß, daß uns ein Exitus nur recht sein könnte, weil wir dann ein Problem weniger hätten.”

Kneifel will mit seiner Dauerrevolte das Unmögliche erreichen: daß ihm der Status eines politischen Gefangenen zuerkannt wird, den es in der DDR sowenig gab wie in der Bundesrepublik.

Bei jedem Appell schreit er das den Aufsehern entgegen. Jedesmal wird er korrigiert, es setzt Ohrfeigen und Tritte. Wird er als Sträfling angesprochen, brüllt er zurück. “Ich verbiete es dir, mich zu beleidigen, du rote Kremlwanze!” heißt es im Bericht eines Inoffiziellen Mitarbeiters (IM) der Stasi.

Seine Mitgefangenen, Schwerverbrecher, die fast alle im Sold des MfS stehen und teilweise gezielt auf Kneifel angesetzt sind, üben an dem Schreihals gelegentlich den Rindergriff: Zwei halten ihn links und rechts fest, ein dritter steckt ihm zwei Finger in die Nasenlöcher und zieht sie energisch nach oben, bis das Gewebe reißt.

Anfangs brüllt Kneifel auch dann, wenn Häftlingskommandos vor seiner Zelle zur Arbeit ausrücken: “Stellt euch gegen das kommunistische Terrorregime! Haltet aus!” (IM-Bericht). Die Wächter mauern Kneifel immer mehr ein. Seine Zelle K 7 verwandelt sich in einen gesonderten Trakt, der durch fünf Türen vom Rest des Gefängnisses isoliert ist. Zuletzt kommt sogar vor die Sichtluke fürs Wachpersonal eine Schalldämmung.

Kneifel beugt sich nicht. Er verweigert jegliche Arbeit, da sie eine Gleichstellung mit Strafgefangenen bedeuten würde. Zudem macht er klar, daß er seinen Widerstand als Spottbild der Staatsmoral organisiert: “Täglich ca. 12 Verstöße gegen das Strafvollzugsgesetz sei seine persönliche Norm”, notiert ein IM. Nach sechs Jahren Haft, Anfang 1987, steigert Kneifel die Provokation. Fast täglich zapft er sich jetzt an Armen und Beinen Blut ab, das er in seiner Tasse sammelt. Mit dem Blut schreibt er Parolen an die Wände (“STASI – Psychosanatorium sowj. Prägung”) und bespritzt eintretende Aufseher. Das Blut vermischt er mit Urin. “Es stinkt enorm” (IM-Bericht).

Der selbstzerstörerische Protest bereitet ihm große Genugtuung. Nachdem er die meiste Zeit des Tages in seiner Zelle auf und ab gegangen ist, sich die Venen geritzt, geschrieben und gebrüllt hat, wird er abends ganz ruhig und schläft sofort ein.

Kneifel über sich: “Ich kann nicht ganz normal sein, das ist eine objektive, statistische Aussage.”

Einen letzten Versuch, den Gefangenen zumindest zur Ruhe zu bringen, unternimmt im Sommer 1986 der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. In einem Brief mahnt Vogel, dem Irmgard Kneifel die Vertretung ihres Mannes angetragen hatte, den Häftling, “daß Sie sich wie alle anderen in Ihrer Lage den Regeln des Strafvollzugs unterwerfen müssen”. Kneifel zeigt keine Wirkung. Für ihn ist Vogel bloß ein “Hauptmann der Stasi” (IM-Bericht).

Gleichzeitig weist Vogel alle Gesuche des Bonner Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen zurück, das sich seit längerem um Kneifels Freikauf bemüht. Ministerialrat Klaus Plewa notiert im Sommer 1986 nach einem Gespräch mit Vogel, die DDR betrachte Kneifel als einen “Gewalttäter, den man nicht entlassen werde”.

Doch die Bonner lassen nicht locker. Im März 1987 taucht Kneifel erneut auf der Freikaufliste auf, die Plewa dem Anwalt Vogel überbringt. Wieder winkt Vogel ab: Honecker persönlich habe gegen die Freilassung votiert.

Daß Kneifel dennoch ein paar Monate später freikommt, verdankt er politischem Kalkül: Erich Honecker will ihn loswerden, bevor er in Bonn im September 1987 Aufwartung macht.

Bedingung der Stasi: Der Deal soll über Klaus Gysi, Staatssekretär für Kirchenfragen, und den sächsischen Landesbischof Johannes Hempel laufen. Das MfS will auf diese Weise sicherstellen, so Bezirkschef Gehlert an die Berliner MfS-Zentrale, “daß die Kirche dafür sorgt, daß es nach der Übersiedlung zu keinem Skandal kommt”.

So geschieht es. Weitere Details samt genauem Zeitplan erarbeitet Mitte Juni ein Sechsergremium aus MfS-Hauptabteilungs- und Abteilungsleitern in Berlin. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. In den Stasi-Akten heißt es: “Für das Gespräch mit Bischof Hempel ist dem Genossen Gysi eine schriftliche Konzeption zuzuarbeiten.”

Kneifel sperrt sich zunächst, doch dann willigt auch er ein. Am 6. August wird das Ehepaar Kneifel in Hempels Dienst-Volvo bei Herleshausen über die Grenze gefahren. Die Autobahn ist abgesperrt. Es gibt keine Kontrollen.

Ziel der Fahrt ist ein evangelisches Krankenhaus in Schwarzenbruck bei Nürnberg, wo Kneifel monatelang aufgepäppelt wird.

Heute lebt er mit seiner Frau nahe der Klinik in einer bescheidenen Souterrainwohnung. Er gilt als 60 Prozent schwerbeschädigt, arbeitet aber als Dreher in Nürnberg.

Eine Entschädigung für seine achtjährige Haftzeit hat Josef Kneifel bislang nicht erhalten.

* 1992 vor dem sowjetischen Ehrenmal in Chemnitz. * An einer Zellenwand in Bautzen